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Arbeitszeugnis – Worauf muss ich achten?

Steht das Ende eines Arbeitsverhältnisses vor der Tür, wird ein Thema besonders spannend: das Arbeitszeugnis. Wie schätzt der Arbeitgeber deine Fähigkeiten ein? Welche Aufgaben und Projekte hast du in erster Linie betreut? Wie ist der Umgang mit Kollegen und Kunden? Diese und mehr Fragen beantwortet der Arbeitgeber – natürlich ansprechend formuliert – in einem qualifizierten Arbeitszeugnis. Doch immer wieder hört man von versteckten Formulierungen. Sogar von bestimmten Geheimcodes ist die Rede, die angeblich nur die Personalabteilungen kennen und verstehen. Doch was steckt hinter den Gerüchten? Und wenn es wirklich eine Art Zeugnis-Code gibt – wie erkenne ich den? Ich habe mir die spannenden Antworten mal aus erster Hand besorgt: Frau Dr. Elena Albrecht ist Personalreferentin bei ROLAND Rechtsschutz und weiß ganz genau, worauf es bei einem Arbeitszeugnis ankommt – und welche Fallstricke darin versteckt sein könnten.

Das Arbeitszeugnis: Darauf legen Personaler Wert

Gerade, wenn man sich bewirbt, gehört das Arbeitszeugnis zu den wichtigsten Bestandteilen einer guten und vollständigen Bewerbung. „Arbeitszeugnisse sind für uns Personaler sehr interessant. Daran sehen wir, wo die vorherigen Arbeitgeber Stärken und Schwächen gesehen haben und welche Aufgaben der Bewerber übernommen hat“, erklärt Dr. Elena Albrecht. Das mache es für den neuen Arbeitgeber einfacher einzuschätzen, ob der Bewerber für die ausgeschriebene Stelle überhaupt genug Erfahrungen hat. Letztlich komme es aber individuell auf die ausgeschriebene Stelle an, die gerade zu besetzen ist. Geht es zum Beispiel um eine Assistenz-Stelle, spielen Charaktereigenschaften wie Loyalität und Diskretion eine große Rolle. Diese sollten dann natürlich auch im Zeugnis zu finden sein. Bei Führungspositionen seien wieder andere Faktoren entscheidend.

Es gibt auch Kriterien, auf die Frau Dr. Albrecht achtet – egal, um welche Stelle es geht: „Die Abschlussformel am Ende eines jeden Zeugnisses gibt uns Aufschluss darüber, wie Arbeitnehmer und Arbeitgeber auseinander gegangen sind.“ Fehlt zum Beispiel eine Dankes- oder Bedauernsformel, könnte dies ein Indiz dafür sein, dass das Arbeitsverhältnis mit dem Vorgesetzten nicht im Guten beendet wurde. Außerdem prüft Frau Dr. Albrecht bei jeder Bewerbung, ob die Tätigkeiten im Arbeitszeugnis mit denen im Lebenslauf übereinstimmen – schließlich könne ja jeder seinen selbstgeschriebenen Lebenslauf etwas „anpassen“.

Geheimcodes im Arbeitszeugnis: Mythos oder Wahrheit?

„Der Gesetzgeber schreibt vor, dass Arbeitszeugnisse ‚wohlwollend formuliert‘ sein müssen, damit der Arbeitnehmer in seiner weiteren beruflichen Entwicklung nicht gehindert wird“, weiß Frau Dr. Albrecht. Doch es gebe tatsächlich Mittel und Wege, anderen Personalern eine Art „Hinweis“ zu geben. Worauf sollte man also als Arbeitnehmer bei der Formulierung achten?

Wichtig ist die wohl bekannteste Form der „Notenabstufung“: „Hat jemand seine Arbeit stets zur vollsten Zufriedenheit erledigt, kann man dies sozusagen als die Note ‚sehr gut‘ betrachten“, so Dr. Elena Albrecht, Personalreferentin bei ROLAND Rechtsschutz. „Hingegen heißt ‚zu unserer Zufriedenheit‘ für uns Personaler, dass der Arbeitgeber mit der Leistung des Arbeitnehmers nicht zufrieden war.“ Hier haben wir dir eine kleine Übersetzung der Noten vorbereitet – aber Vorsicht! Es handelt sich dabei nicht um eine allgemein gültige und festgeschriebene Übersetzung, lediglich um eine kleine Hilfestellung für dich:

  • „Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“: Sehr gut
  • „Stets zu unserer vollen Zufriedenheit“: Gut
  • „Zu unserer vollen Zufriedenheit”: Befriedigend
  • „Zu unserer Zufriedenheit“: Ausreichend

Auch Angaben zum Sozialverhalten eines Bewerbers können im Zeugnis Aufschluss darüber geben, wie sich der Arbeitnehmer seinen Kollegen und Vorgesetzten gegenüber verhalten hat. So könne die vermeintlich positive Formulierung „Der Arbeitnehmer war ein gefragter Gesprächspartner“ auch so ausgelegt werden, dass derjenige – übertrieben gesagt – nur mit Mitarbeitern gequatscht oder gelästert hat. Nimmt man es als Personaler ganz genau, könne man laut Dr. Albrecht auch noch auf die Formalitäten eines Zeugnisses achten. Wurde das Zeugnis auf Geschäftspapier gedruckt? Ist es fehlerfrei, zum Beispiel in puncto Grammatik und Rechtschreibung? Ist das Ausstellungsdatum nah am Austrittsdatum (idealerweise identisch)? Enthält es eine normale Unterschrift oder wurden ungewöhnliche Zeichen verwendet?

„Misst man solchen Formalien allerdings zu viel Bedeutung zu, kann das ganz schön nach hinten losgehen. Denn gerade bei Betrieben ohne eigene Personalabteilung, entsprechen die Zeugnisse nicht immer einer einheitlichen Norm oder einem besonders hohen Anspruch“, sagt Frau Dr. Albrecht.

Zusammenfassend achten Personaler in der Regel also auf folgende Kriterien:

  • Welche „Note“ steht im Zeugnis?
  • Wie lautet die Abschlussformel (Grund des Ausscheidens)? Gibt es eine Dankes- und/oder Bedauernsformel?
  • Stimmen die Formalitäten wie Geschäftspapier, Rechtschreibung, Datum?
  • Wie wird das Sozialverhalten von Kollegen und Vorgesetzten gegenüber beschrieben?
  • Sind beschriebene Eigenschaften im Zeugnis passend zur ausgeschriebenen Stelle (Beispiel: Loyalität bei Assistenz-Jobs)?
  • Stimmen Tätigkeiten und Daten im Zeugnis mit denen im Lebenslauf überein?

Welche Bedeutung diesen Hinweisen bei gemessen werden sollte, ist natürlich jedem Personaler und jedem Betrieb selbst überlassen. Man muss also nicht hinter jeder Formulierung gleich eine versteckte Kritik sehen.

Der richtige Zeitpunkt: Wann darf ich ein Arbeitszeugnis oder Zwischenzeugnis anfordern?

Wie Dr. Elena Albrecht weiß, hat jeder Arbeitnehmer das Recht auf ein Arbeitszeugnis: „Ist ein Arbeitsverhältnis beendet, hat der Arbeitnehmer einen triftigen Grund und darf somit auf sein Zeugnis bestehen – allerdings erst nach dem Austrittsdatum.“ Jedes Zeugnis, das vorher ausgestellt wird, sei lediglich ein sogenanntes Zwischenzeugnis. Auch darauf hat man übrigens einen rechtlichen Anspruch: bei Vorgesetzen-Wechsel, Versetzung und größeren Tätigkeitswechseln. Auch wer sich woanders bewerben möchte, hat ein berechtigtes Interesse und darf somit natürlich auf eigenen Wunsch ein Zwischenzeugnis anfordern.

Einfaches vs. Qualifiziertes Arbeitszeugnis

Übrigens: Wenn Unternehmen, Mitarbeiter oder wir in diesem Artikel von Zeugnissen sprechen, meinen sie in der Regel das qualifizierte Zeugnis. „Das einfache Zeugnis dient eher als Tätigkeitsnachweis. Es enthält lediglich die grundlegenden Daten wie Name, Funktion und Zeitraum sowie und eine kurze Beschreibung der Tätigkeiten. Es erfolgt aber keine detaillierte Beschreibung der Aufgaben, keine besonderen Hervorhebungen und vor allem keinerlei Bewertung der Leistung. Das heißt, es gibt keinen Aufschluss zum Beispiel über Arbeitsleistung und -menge, Sozialverhalten, Engagement und besondere Qualifikationen. Damit hat es im Vergleich zum qualifizierten Arbeitszeugnis nur wenig Aussagekraft.“

Eine Info zuletzt: Der Personalabteilung ist es prinzipiell nicht erlaubt, einfach so den alten Chef zu kontaktieren, um sich über die Fähigkeiten und Leistungen des Bewerbers zu informieren. Erst wenn der Bewerber ausdrücklich seinen alten Arbeitgeber als Referenz und damit die Erlaubnis gibt, darf der Personaler Kontakt aufnehmen.

Frau Dr. Elena Albrecht zu Arbeitszeugnissen allgemein: „Was man als Personaler bei allen Arbeitszeugnissen beachten sollte, ist beispielsweise die Größe des Unternehmens. Oft ist es nämlich so, dass – gerade bei kleineren Betrieben – die Chefs nicht immer wissen, worauf es beim Arbeitszeugnis ankommt. Oder die Mitarbeiter schreiben ihres sogar selbst. Auch das kommt vor. Deshalb sollte man die Bedeutung eines Zeugnisses immer relativieren. Ich persönlich achte immer darauf, was das für ein Betrieb ist und ob es dort überhaupt eine eigene Personalabteilung gibt“.

Unsere Expertin:

Dr. Elena Albrecht ist seit elf Jahren Personalreferentin bei ROLAND Rechtsschutz. Sie ist unter anderem verantwortlich für die Themen Personalbeschaffung und -betreuung. Hierzu zählt auch die Sichtung und Bewertung der eingehenden Bewerbungsunterlagen. Zudem verfasst sie die Zeugnisse für die ROLAND-Mitarbeiter.

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Anne

Anne

Sie liebt Schokolade und ihre Heimatstadt Kevelaer am Niederrhein – was sie gerne auch kundtut. Zu ihrem Glück fehlt ihr eigentlich nur eine Horde Heinzelmännchen, die für sie den Haushalt schmeißen. Damit sie sich auf das konzentrieren kann, was wirklich Freude macht.

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Bisherige Kommentare (4)

  • Avatar

    Wolfgang Roth

    Schade, daß man Ihre Erläuterungen nicht speichern und ausdrucken kann, oder habe ich etwas übersehen?
    Mich würde ein Arbeitszeugnis interessieren.
    Kürzlich haben Sie das Thema Nebenkostenabrechnung abgehandelt. Können Sie eine Nebenkostenabrechnung überprüfen, insbesondere für eine Wohnung in Fürth / Bayern.
    Rechnungseinsicht kann ich beim Vermieter beantragen

    • Nadine

      Nadine

      Hallo Wolfgang, unsere Seite kannst du natürlich auch ausdrucken. Das kannst du – wie bei jeder Website – über deinen Browser machen. Alternativ kannst du den Text natürlich auch in ein Text-Programm einfügen und abspeichern. Zu deiner Frage zur Nebenkostenabrechnung: Bitte hab Verständnis dafür, dass wir hier keine kostenlose Rechtsberatung geben und keine Einzelfälle prüfen können.

      Viele Grüße von den RECHTschützern

  • Avatar

    Th. Redekop

    Zu Ihrem Kommentar: „Der Gesetzgeber schreibt vor, dass Arbeitszeugnisse ‚wohlwollend formuliert sein müssen, damit der Arbeitnehmer in seiner weiteren beruflichen Entwicklung nicht gehindert wird“
    Das ist so nicht ganz korrekt. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass ein Zeugnis zunächst wahrheitsgemäß und mit verständigem Wohlwollen formuliert sein muss.
    Als Ergänzung zu den Lesarten der Personaler sein noch gesagt, dass viele auch das Aufgabenprofil im Zeugnis zum Abgleich mit der gesuchten Stelle nutzen. Hier zahlt sich ein aussagekräftiger Aufgabenteil aus. Zeugnissen in Aufhebungsverträgen wird hingegen oft weniger Wert beigemessen, da eine gute bis sehr gute Gesamtnote oft Bestandteil des Vertrags ist.

    • Nadine

      Nadine

      Hallo,
      vielen Dank für Ihre Anmerkungen und Ihre Ergänzungen. Ich sehe allerdings den Widerspruch nicht so ganz. Was meinten Sie genau, was “nicht ganz korrekt” ist?

      Viele Grüße von den RECHTschützern!